StartseiteJagdhundewesenUnd wieder so ein Hundesommer ...

Oder: Etwas übertrieben, aber doch irgendwie wahr


Die Entscheidung ist gefallen – ein neuer, junger Jagdhund kommt ins Haus. Sei es, weil der alte Jagdkumpane langsam in Rente gehen darf, sei es als Ergänzung zu schon vierbeinigen Familienmitgliedern, sei es ein neuer Jagdhund, da der alte Hund in die ewigen Jagdgründe eingezogen ist oder vielleicht auch der erste (Jagd)Hund im Haus. Welche Gründe auch immer für die Anschaffung eines Welpen sprechen, der Familienrat hat zugestimmt, und das muss er auch, denn alle werden im Laufe der nächsten Ausbildungsjahre noch stark gefordert werden. Manchmal mehr als ihnen lieb sein wird.

Die Ausbildung zum brauchbaren (!) Jagdhund – mit all‘ seinen individuellen Stärken und Schwächen – gleicht fast einer Gipfelbesteigung. Dem anfänglichen, intensiven Training im Basislager für Hund und besonders auch Hundeführer folgen kleinere Etappensiege, die von Mal zu Mal mehr fordern. Dann bewegt man sich mal wieder einige Zeit auf einem Bergkamm und hat das Gefühl es geht nicht weiter, nicht bergauf; bis man doch eines Tages das Gipfelkreuz aufstellen kann, was sich meistens in Form einer der „höheren Prüfungen“ für Hund und Hundeführer darstellt. Bestanden, endlich geschafft ! Aber was für ein Weg...!
In der Welpenstunde sind noch alle sehr entspannt. Lässt sich der eigene Hund nicht gleich „unterbuttern“, sondern kann einstecken aber auch austeilen, dann kann man sich dem Austausch mit Gleichgesinnten widmen. Einige lassen einen vor Ehrfurcht „erstarren“ (schon der 3. Hund in Ausbildung und überhaupt...), andere sind noch ahnungsloser als man selbst, und alle zusammen ergeben eine gute Truppe mit mindestens einem gleichen Interesse – die Hunde und die Jagd. Wie gut, dass man sich versteht – werden wir die meisten Gleichgesinnten über den Sommer fast mehr sehen, als unsere Freunde und Verwandten, die wir sonst schon mal am Wochenende besucht haben.

Einmal wöchentlich findet ein gemeinsamer Übungsabend in der Gruppe statt; ansonsten tägliches Training in „homöopathischen Dosen“ (unser Ausbilder sei hier zitiert), d. h. kontinuierlich, konsequent und mehrmals am Tag. Länger in die Zeitung schauen am frühen Morgen entfällt also für die nächsten Monate, der Hund muss zu Tagesbeginn schon einige Gehorsamsübungen absolvieren. Den Weg zum Briefkasten muss er „bei Fuß“ gehen (deshalb brauchen wir nun dreimal so lange) und beim Frühstück sollte er eigentlich ablegen (was war das vorher ein ruhiges Frühstück). Die Familie wird in die „Kommandosprache“ eingewiesen: bloß mit denselben Worten reden, bloß nichts verderben an dem jungen Tier. Den Kindern wird „eingebleut“, keine Stöckchen zu werfen, schon gar nicht ins Wasser. Es wäre fatal, ginge der Hund später nicht freiwillig auf Kommando ins Wasser. Ein guter Jagdfreund hat der Ehefrau erzählt, der Hund dürfe nicht zuerst aus der Haustür gehen, das wäre ein eindeutiger Respektsverlust des Hundes gegenüber dem betroffenen Zweibeiner. Seitdem ist die arme Frau schon mehrmals aus der Tür geschubst worden, da dem Hund die Regeln des Jagdfreundes egal sind.

Nun schiebt sich unaufhaltsam ein wichtiger Termin auf den Abend des gemeinsamen Übens – macht nichts, einmal wird man wohl aussetzen können, auch wenn man ein etwas schlechtes Gewissen hat. Drei Wochen später dasselbe Desaster, wieder kann auf den Übungsabend keine Rücksicht genommen werden. Also muss die „bessere Hälfte“ zum Üben mit dem Hund, klappt es doch in der Gruppe unter Ablenkung mehr schlecht als recht – zu Hause macht er das schon ganz prima. Abends liegt der Hund müde und etwas „schmunzelnd“ auf seiner Decke, seine Ersatzhundeführerin ermattet und fröstelnd auf dem Sofa. Auf die bange Frage „Wie war‘s ?“, hört man nur „Gut, aber ich hatte gedacht, dein Hund würde schon ohne seinen Hundeführer das Wasser annehmen“. „Das Wasser annehmen..., haben ja richtig was gelernt heute abend – beide ! Auch wenn der brave Hund heute Abend nun ausdrücklich meiner ist !“
Nun würde die Familie auch gern in den Sommerurlaub fahren, wobei alle betonen, dass der Urlaub „hundegerecht“ sein kann. Die Terminierung bereitet unweigerlich große Schwierigkeiten: Es darf nicht während des letzten Wasserübungstags vor der Prüfung sein (übrigens treffen sich mittlerweile die „Gipfelerstürmer“ mit ihren Hunden im zweiten oder dritten Jahr schon zwei mal wöchentlich plus „Sonderübungstage“ und „Nachhilfeunterricht“). Auch hat man noch einem „Schweißtermin“ zugesagt, der unbedingt eingehalten werden sollte.

So kurz vor der Prüfung möchte man auch nicht erst aus dem Urlaub wiederkommen. Das macht einen nur nervös. So fährt die Familie in diesem Sommer alleine – dafür erobern Hund und Hundeführer weiter den Weg zum Gipfel.
Bei Freunden und Bekannten gilt man schon als vermisst, hat man sich doch sonst am Wochenende mal zur Fahrradtour verabredet. Und die, die mit Jagd und Hunden gar nichts zu tun haben, schütteln nur noch den Kopf. Ist das denn so schwer, aus einem Hund einen Jagdhund zu machen?

Doch in all‘ der Zeit entwickelt sich der junge Hund zum zuverlässigen, brauchbaren Jagdhund und sein Hundeführer zum souveränen, „brauchbaren“ Hundeführer. Wird dann im Herbst das Gipfelkreuz aufgestellt, heißt es, die (vorerst!) letzte Prüfung ist erfolgreich bestanden. Alle sind stolz – und das zu Recht ! Der Hund gehört ausnahmslos wieder der ganzen Familie. Wer glaubt, das es jetzt ruhiger wird, hat sich getäuscht. Wer Jagdpassion in sich trägt, wird immer wieder „rausgetrieben“. Außerdem soll aus dem Hund nun auch ein guter (!) Hund werden, und das erfordert jagdliche Praxis für Hund und Hundeführer! Und auf was bereiten wir uns dann im nächsten Sommer wieder vor?

Babette Schade, Wedemark
(Der Burgdorfer Jäger 2003)


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